global shtetl band

Nürnberger Nachrichten, 16.6.2006
Ausführliches Bandportrait

Auf den ungewöhnlichen Spuren des Klezmer
Die drei Musiker der „Global Shtetl Band“ verbinden jüdische Schlager mit Salsa, Tango, Rumba und Reggae
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Dass das „Shtetl“ im musikalischen Sinne längst ein globaler Ort ist, ist ein alter Hut. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich vor allem in den USA eine neue, vitale Klezmerszene entwickelt, die bis heute freimütig alle greifbaren Stile in die traditionelle jüdische Tanzmusik integriert, welche längst auf der ganzen Welt — und oft auch von Nicht-Juden — gespielt wird.
Die „Global Shtetl Band“ folgt den Spuren jüdischer Musik allerdings an Orte, wo sie selbst Kenner des Genres oft nicht vermutet hätten: In ihren „Kukaratshas“ verbindet das Trio um den in Nürnberg lebenden Sänger, Kontrabassisten und Cisterspieler Markus Müller jüdische Schlager mit Salsa, Cha-Cha-Cha, Tango, Rumba oder Reggae zu einem vitalen, äußerst tanzbaren Mix. Mit dem Drummer und Perkussionisten Daniel Piccon aus Feucht und dem derzeit in München lebenden polnischen Akkordeonisten Bartek Stanczyk hat sich Mastermind Müller zwei überaus kompetente Mitstreiter ins Boot geholt.

Bunte Mixtur
Natürlich haben die drei besagten Stil nicht erfunden: Als Mitte des 20. Jahrhunderts viele jiddisch sprechende Einwanderer aus Osteuropa in der Neuen Welt Fuß fassten, vermengten sie ihre Musik mit dem, was sie vorfanden: Swing und lateinamerikanische Rhythmen. Leute wie Shifre Lerer oder Seymour Rechtzeit waren damals Stars am jiddischen Broadway, Namen, die heute außer einigen Experten kaum noch jemand kennt. Neben New York etablierte sich vor allem Miami zum Zentrum des Latin-Klezmer-Stils, wo Irving Fields jüdische Schlager mit Latin-Rhythmen unterlegte. Ähnliches passierte auch in Kuba und Argentinien.
„Eigentlich bin ich kein Fan von Vermischungen“, sagt Markus Müller. „Die meisten Verknüpfungen heute passieren an der Oberfläche. Das erzählt mir nichts. Mir ist es wichtig, die Sachen tiefer zu verankern, ich finde, es muss erlebtes Leben dahinter stecken“ In gewisser Weise ist der 34-Jährige Traditionalist, Musikologe und Innovator zugleich: Aufgewachsen in Saarbrücken, hat er in Trier Psychologie und Jiddisch studiert, eine Sprache, die er heute fast fließend spricht.
Sein damaliger Lektor holte ihn dann in seine Band, was ihm die Möglichkeit gab, in direkten Kontakt mit der jüdischen Kultur zu kommen. „Man bekam bei dem Studium viel mit über Leute, die bereits gestorben sind. Auf einmal sah ich mich Menschen gegenüber, die diese Kultur auch leben.“
Den Anstoß zur „Global Shtetl Band“ gab schließlich ein amerikanischer Freund, der ihm ein paar alte Schellack-Platten schickte, mit der Bemerkung „Das wäre doch ein Projekt für dich!“. Da lebte Müller schon in Nürnberg, und dank seiner Umtriebigkeit gelang es ihm schnell, die gute Idee in die Tat umzusetzen: Piccon kannte er bereits vom „La Cascara Salsa Orquesta“, mit Bartek Stanczyk hat er bereits beim „Klezmerorchester“ gespielt.
Zwischenzeitlich reiste Markus Müller sogar nach New York, um im Jüdischen Institut nach alten Kukaratshas zu forschen. Dabei geht es ihm weniger darum, die alten, meist sehr raren Aufnahmen Ton für Ton nachzuspielen. Vielmehr möchte er deren Geist erfassen, um diesen dann mit eigenem „Tam“ — was aus dem Jiddischen ungefähr mit „Geschmack“ oder „Esprit“ zu übersetzen wäre — in die Jetztzeit zu holen.

Ein Tausendsassa
So schreibt er einerseits neue, aber an den damaligen Stil angelehnte Texte zu den alten Melodien, oder er erfindet umgekehrt neue Melodien zu den altvertrauten Geschichten. Die „Global Shtetl Band“ ist das mittlerweile siebte musikalische Projekt des Tausendsassas: Unter anderem spielt er Bass bei der „Second Line Blues Band“, dem „La Cascara Salsa Orquesta“ und dem „Klezmerorchester“, daneben gibt es ein Duo mit der Sängerin Ruth Boguslawski aus Saarbrücken sowie ein Tango-Projekt. Die neue Band soll allerdings künftig Priorität genießen.
Nach einem ersten, umjubelten Auftritt bei der „Langen Nacht des Klezmer“ Ende April in der Nürnberger Villa Leon — der trotz des fast ungeprobten Einsatzes des Aushilfsakkordeonisten Dan Khan äußerst spritzig und witzig geriet — blickt die „Global Shtetl Band“ optimistisch in die Zukunft: Im Herbst soll eine CD aufgenommen werden, außerdem plant man, noch mehr mit Reggae- oder gar Jungle-Grooves zu arbeiten.
Peter Gruner

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